Lesetipp von Susanne Sießegger - 23.08.2023
Aus dem Amerikanischen Englisch von Wibke Kuhn
Roman, C.Bertelsmann, 24,00 €
Als ich heute morgen um halb sechs aufwachte, habe ich mich keine bisschen über die frühe Stunde geärgert, sondern sofort zum Buch gegriffen: "So weit der Fluss uns trägt". Zum Glück habe ich es vor dem Aufstehen zu Ende lesen können - und eine Träne stand mir am Ende schon in den Augen - hach! Kitschig? Vielleicht! Große Gefühle? Jaaaa!
Wunderbar, beim Lesen so richtig abzutauchen in ein anderes Leben! Die Geschichte eines starken jungen Mädchens, das eine ziemliche Last zu schultern hat: Nach dem Unfalltod ihrer Mutter muss Victoria mit 12 Jahren schon die Rolle der Hausfrau auf der Pfirsichfarm einnehmen. So kommt sie gar nicht so recht zum Trauern, sondern kümmert sich neben der Schule auch noch um den Haushalt und den Küchengarten. Vater und Bruder samt Erntehelfern müssen schließlich versorgt werden. Zur Erntezeit muss sie selbst auch auf den Feldern schuften: den perfekten Reifegrad des Pfirsiche bestimmen, vorsichtig pflücken und sorgsam verpacken. Als Victoria eines Tages den jungen Saisonarbeiter Wilson Moon trifft, setzt sich eine Kette dramatischer Ereignisse in Gang...
Ein hartes Leben in den 1940er Jahren am Fuße der Berge Colorados. Shelley Read hat mit Mitte 50 diesen Debütroman veröffentlicht, dessen bildhafte Sprache und herrliche Naturbeschreibungen die Leser:in mit in die Zeit und mit in die Natur nehmen. Und was es mit dem Fluss aus dem Buchtitel auf sich hat, das lesen Sie am besten selbst...
Lesetipp von Annette Quest - 12.08.2023
Aus dem Amerikanischen Englisch von Jennifer Michalski
Kinderbuch ab 11 Jahren, Dragonfly, 16,00 €
„Was du jetzt brauchst, ist ein cuento", sagt sie.
Damit meint sie eins ihrer Märchen. Wir legen uns auf den Rücken und schauen hinauf in den Nachthimmel. Warmer Wüstenwind fegt über uns hinweg, während Lita mich so fest wie noch nie an sich drückt. Am liebsten würde ich diesen Ort nicht mehr verlassen (...)'
Nicht zufällig beginnt das spannende Sci-Fi-Abenteuer mit dem Erzählen eines Märchens, denn um die Kraft des Märchenerzählens geht es darin. Dabei ist die in der Zukunft liegende Wirklichkeit, in der die Hauptfigur Petra Peña lebt, nicht märchenhaft, ganz im Gegenteil. Der Halleysche Komet hat seine Bahn verlassen und rast nun auf die von Klimakriegen gebeutelte Erde zu. Petra ist eine von Wenigen, die dieser Katastrophe entgehen wird, weil sie zusammen mit ihrem kleinen Bruder und ihren Wissenschaftler-Eltern in einem von drei Raumschiffen zu dem fernen Planeten Sagan fliegt. Da diese Reise mehrere Jahrhunderte dauert, sollen die Passagiere in 'Stase' versetzt werden, einen Koma ähnlichen Schlaf.
Aber Petra möchte nicht. Weder will sie ihre geliebte Großmutter Lita zurücklassen noch ihre Schildkröte Rápido, ihre Freunde, ihre Heimat. – Und die vielen anderen Menschen, die nicht auserwählt worden sind, kann sie auch nicht vergessen. Außerdem hat sie Angst. Denn sie merkt schnell, dass an Bord ihres Schiffes etwas ganz und gar nicht stimmt ...
Eine starke Protagonistin, eine Atmosphäre, die mich sofort in den Bann gezogen hat, eine anhaltende Spannung und immer wieder gefühlvolle erzählerische Momente, die die Zeit anzuhalten scheinen.
Ein großartiges All-Age-Leseerlebnis in einer besonders hübschen Ausgabe!
Lesetipp von Nicole Christiansen - 04.08.2023
Aus dem Englischen von Barbara König
Kinderbuch ab 10, Atrium, 15,00 €
„Mein Name ist Addie. Ich bin elf Jahre alt und ich bin Autistin. Das macht mir keine Angst und ich schäme mich auch nicht dafür....es ist genauso wie Linkshänderin zu sein oder farbenblind. Es bedeutet, dass wir die Welt anders wahrnehmen."
Und diese Addie stellt sich mutig vor die Dorfversammlung in Juniper, unweit von Edinburgh. In ihrem Dorf wurden im Mittelalter mehr Frauen angeklagt, eine Hexe zu sein, als in allen anderen Dörfern in Schottland.
Als Addie von dem Schicksal dieser Frauen in der Schule erfährt, lässt sie das Thema nicht mehr los. Sie will alles darüber wissen und in der Bibliothek wird sie fündig. Schließlich kommt ihr der Gedanke, für die zu Unrecht verurteilten Frauen eine Tafel oder ein Denkmal zu errichten. Sie will, dass man sich hier an die Frauen erinnert. Und dafür setzt sie sich gegen alle Widerstände zum Trotz ein.
Die Autorin Elle McNicoll, selbst Autistin, nutzt den Blick in die Historie, um damit klar zu machen, wie Ausgrenzung und Vorverurteilung funktionieren. Addie kennt die Rolle einer Außenseiterin, will sie aber nicht akzeptieren. Dabei lässt sie sich weder von ihrer verständnislosen Lehrerin Miss Murphy noch von ihrer „falschen" Freundin Emily unterkriegen.
Und das wunderbar warme und tröstliche an dieser Geschichte: Addie ist nicht allein! Denn Addie hat Verbündete: Eine liebevolle Familie, allen voran ihre große Schwester Keedie, die ihr (und den Leser:innen) Autismus gut erklären kann, da auch sie selbst es hat.
Ein kluges Buch! Großartig ins Deutsche übertragen von Barbara König.
Lesetipp von Susanne Sießegger - 23.07.2023
Aus dem Französischen von Amelie Thoma & Michaela Meßner
Roman, Berlin Verlag, 28,00 €
Als Anne Berests Mutter Lélia im Jahre 2003 eine Postkarte zugeschickt bekommt, die nicht unterschrieben ist, sorgt diese Karte kurz für Aufregung in der Familie. Es stehen vier Vornamen darauf: Ephraïm, Emma, Noémie und Jacques. Wer hat diese Postkarte geschickt? Warum sind die Vornamen von Annes Vorfahren, Myriams Eltern und Geschwistern, kommentarlos notiert?
Ephraïm, Emma, Noémie und Jacques wurden in Auschwitz ermordet - und gut 60 Jahre später wird die Postkarte verschickt - ein Rätsel, das zunächst nicht gelöst werden kann. So gerät die Karte erst einmal in Vergessenheit.
Jahre später, inzwischen selbst Mutter einer Tochter, beginnt Anne Berest nach der Herkunft der Karte und somit auch zu ihrer Familiengeschichte zu forschen. Auslöser dafür ist ein Vorfall in der Schule der Tochter: "Juden mögen wir nicht besonders" bekommt sie zu hören. Anne Berest spricht mit ihrer Mutter, die zu Beginn der Nachfragen noch zögerlich ist, denn die Erinnerungen an ihre Eltern Ephraïm & Emma, ihre Schwester Noémie und ihren Bruder Jaques sind schmerzhaft.
Anne Berest verwebt in ihrem Roman die Geschichte der Familie Rabinovitch, die wegen Pogromen gegen die jüdische Bevölkerung 1919 aus Russland flieht, dann über Lettland nach Palästina flüchtet und schließlich Ende der 1920er Jahre in Paris ankommt, mit der spannenden Recherche nach der Herkunft der Postkarte. Auch die Bezüge zur aktuellen Situation in Frankreich und der immer noch existente Antisemitismus sind Thema dieses Buches und sicher auch Schreibantrieb der Autorin.
Ein erschütternder und bewegender Bericht, der sich auf 544 Seiten atemlos lesen lässt. Sehr froh war ich, als am Ende das Rätsel um die Postkarte gelöst wird - wie, das wird hier natürlich nicht verraten!
Lesetipp von Annette Quest - 22.07.2023
Aus dem Amerikanischen Englisch von Klaus Bonn
Roman, mareverlag, 28,00 €
"Als Henry Preston Standish kopfüber in den Pazifischen Ozean fiel, ging am östlichen Horizont gerade die Sonne auf."
Mit diesem Satz beginnt der kluge und äußerst unterhaltsame Kurzroman aus dem Jahr 1937 in der erstmaligen Übersetzung von Klaus Bonn, der sowohl in seiner Zeit als auch noch heute etwas Besonderes ist.
Die äußere Handlung ist schnell erzählt: Ein erfolgreicher, wohlsituierter Börsenmakler gerät in eine mentale Krise und verordnet sich selbst eine Schiffsreise. Und vielleicht hätte sich auf dem Frachter auch wirklich die erhoffte Seelenruhe eingestellt, wäre er nicht ausgerutscht und über Bord gegangen. Die eigentliche Handlung dieses Buches aber ist eine innere und taucht ein in Standishs Gefühle und Gedanken, während er um sein Leben schwimmt.
"Wie würde ein Mensch", fragte sich der Autor Herbert Clyde Lewis beim Schreiben, "diese schwindelerregende mentale Kluft (...) überbrücken?" Was macht es mit jemandem, der wie Standish fest im Leben gestanden und sich und seine Zahlen für den Nabel der Welt gehalten hat, buchstäblich aus dieser herauszufallen?
Mit feiner Ironie beobachtet der Erzähler, und wir mit ihm, wie der Gentleman seinen Blick erst unwillig, dann neugierig über seinen (standesgemäß ziemlich begrenzten) Tellerrand hebt. Mit der unergründlichen Tiefe des Ozeans hat er jedoch nicht gerechnet ...
Sehr lesenswert! Und Dank mare Verlag steckt diese Ausgabe in einem wunderschön gestalteten Geschenkschuber!
Lesetipp von Sybille Kramer - 21.07.2023
Roman, Zsolnay, 24,00 €
Eigentlich hatte Julia ihrem Heimatdorf im Schatten der Berge den Rücken zugekehrt, sich in der Stadt zur Krankenschwester ausbilden lassen und dann gerne in der Klinik gearbeitet. Doch dann kommt der Dauerstress und ihr unterläuft ein Fehler. Die betroffene Patientin erholt sich wieder, aber für Julia ändert sich alles. Sie wird vom Dienst suspendiert, die Situation verstärkt ihre Asthmaanfälle und diese machen sie arbeitsunfähig. Das Geld wird knapp, die Stadt zu teuer und Julia droht die Arbeitslosigkeit.
Genügend Gründe für Julias Rückkehr ins Dorf und in ihr Elternhaus. Was sie dort erwartet, ist für sie der blanke Horror. Daheim sitzt der schlecht gelaunte alte Vater, gerade von Julias Mutter verlassen, weil die einfach nicht mehr konnte und mehr vom Leben will. Nun soll sich seine Tochter um ihn kümmern. Und es gibt noch den behinderten Bruder in einer Einrichtung ganz in der Nähe.
Julia fühlt sich vereinnahmt und unfrei in ihren Entscheidungen, dabei möchte sie am liebsten noch einmal beruflich ganz neu anfangen. Ist sie dafür schon zu alt mit Ende Dreißig und bleibt ihr nur noch die Pflege ihrer Angehörigen?
Auf einem ihrer Spaziergänge lernt sie Oskar kennen, den Städter, der gerade nach einem leichten Herzinfarkt eine Reha macht. Auch er will sein Leben verändern. Privat und beruflich. Und er hat Glück, gewinnt ein Jahr Grundeinkommen, fühlt sich frei und kann im Dorf in aller Ruhe über seine Zukunft nachdenken. Julia und Oskar sind beide an einem Wendepunkt im Leben, aber mit umgekehrten Vorzeichen. Trotzdem verlieben sie sich ineinander.
Birgit Birnbacher schreibt witzig, empathisch und hat mich wirklich zum Nachdenken gebracht über aktuelle Themen wie den Wert der Arbeit und wie frei wir wirklich in unseren Entscheidungen sind. Auch wenn ich mir bei einigen Charakteren im Buch noch mehr Entwicklung gewünscht hätte, finde ich das Buch großartig und sehr anregend.
Die österreichische Autorin erhielt 2019 den Ingeborg-Bachmann-Preis und hat schon mehrere Romane veröffentlicht. Wer Birgit Birnbacher, Jahrgang 1985, noch nicht kennt, sollte sie unbedingt entdecken.
Shelley Read: So weit der Fluss uns trägt
von Susanne Sießegger,
23.08.2023
Donna Barba Higuera: Die letzte Erzählerin
von Annette Quest,
12.08.2023
Elle McNicoll: Wie unsichtbare Funken
von Nicole Christiansen,
04.08.2023
Anne Berest: Die Postkarte
von Susanne Sießegger,
23.07.2023
Herbert Clyde Lewis: Gentleman über Bord
von Annette Quest,
22.07.2023
Birgit Birnbacher: Wovon wir leben
von Sybille Kramer,
21.07.2023
Jerry Craft: New Kid - Als wäre Schule nicht eh schon schwer genug
von Andreas Mahr,
12.07.2023
David Long: Gerettet. Wahre Geschichten vom Überleben
von Andreas Mahr,
08.07.2023
Toine Heijmans: Der unendliche Gipfel
von Eva Lorenzen,
27.06.2023
Tom Rob Smith: Kälte
von Andreas Mahr,
20.06.2023
Jennette McCurdy: I'm Glad My Mom Died
von Anna Puszies,
17.06.2023
Kirsten Boie: Der Hoffnungsvogel
von Andreas Mahr,
08.06.2023
Rieke Patwardhan: Die Schule der mittelguten Zauberer
von Susanne Sießegger,
07.06.2023
Saša Stanišić: Wolf
von Annette Quest,
04.06.2023
Meron Mendel: Über Israel reden
von Nicole Christiansen,
22.05.2023
T.C. Boyle: Blue Skies
von Sybille Kramer,
21.05.2023
Liv Strömquist: Astrologie
von Anna Puszies,
16.05.2023
Alex Wheatle: Cane Warriors. Niemand ist frei, bis alle frei sind
von Andreas Mahr,
08.05.2023
Isaac Blum: Ruhm und Verbrechen des Hoodie Rosen
von Annette Quest,
08.05.2023
Ulrich Hub: Arschbombe verboten
von Susanne Sießegger,
07.05.2023
Anthony McCarten: Going Zero
von Eva Lorenzen,
27.04.2023
Jasmin Schreiber: Schreibers Naturarium
von Sigrid Lemke,
22.04.2023
Michel Bergmann: Mameleben
von Susanne Sießegger,
21.04.2023
Jean-Christophe Grangé: Die marmornen Träume
von Andreas Mahr,
20.04.2023
Cornelia Franz: Wildesland
von Annette Quest,
10.04.2023
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