Die letzten Empfehlungen aus dem Team

Amor Towles: Lincoln Highway

Lesetipp von Andreas Mahr - 31.10.2022

Aus dem Englischen übersetzt von Susanne Höbel
Roman, Hanser, 26,00 €

1954 – der 18-jährige Emmett, nach einjährigem Aufenthalt in einer Besserungsanstalt wegen Totschlags, kommt nach Nebraska nach Hause. Durch den Tod des Vaters wurde er vorzeitig entlassen, um sich um seinen kleinen ziemlich altklugen Bruder Billy zu kümmern. Gemeinsam beschließen sie über den Lincoln Highway, der Amerika von Ost nach West verbindet, nach San Francisco zu ziehen, wo sie ihre verschollene Mutter vermuten. Bevor sie jedoch die Reise antreten können, tauchen zwei alte Freunde von Emmett aus dem Heim auf, die Ihre ganz eigenen Pläne verfolgen. Die beiden Besucher „leihen" sich Emmetts blauen Studebaker in welchem auch noch 3000$ Startkapital versteckt ist aus und fahren Richtung New York. Den beiden Brüdern bleibt nichts anderes übrig als die Verfolgung aufzunehmen, zu Fuß, per Anhalter oder im Güterzug es ist auf jeden Fall die falsche Richtung...

Ein Roadtrip quer durch die USA der 50er Jahre. Eine wahre Odyssee, denn auch als Leser wird man permanent in Verzweiflung getrieben, jedes Mal wenn man denkt, jetzt kann die eigentliche Reise beginnen, wird den Brüdern ein Strich durch die Rechnung gemacht und sie beginnen praktisch von vorn. Amor Towles ist ein großartiger Roman gelungen der alle Facetten der Zeit in Einklang mit der Handlung bringt.Dominic Sandbrook ist britischer Historiker und hat eine neue Kindersachbuchreihe über verschiedene Zeitpunkte der Geschichte geschrieben. Unter anderem über Alexander den Großen, den Ersten Weltkrieg und auch über den Zweiten Weltkrieg.

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Tessa Hadley: Freie Liebe

Lesetipp von Sybille Kramer - 30.10.2022

Aus dem Englischen von Christa Schuenke
Roman, Kampa Verlag , 22,00 €

Wir befinden uns in einem feinen Londoner Vorort im Jahre 1967. Hier wohnt Familie Fischer in gutbürgerlichen Verhältnissen. Man gibt sich weltoffen - aber eigentlich soll sich politisch bitteschön nichts ändern. Der Hausherr Roger hat einen guten Job im Außenministerium, seine hübsche Frau Phyllis kümmert sich um Haus und Kinder sowie die sozialen Kontakte mit der spießigen Nachbarschaft.

So weit, so gut. Und so langweilig - denkt sich Phyllis, Anfang 40. Als Roger den Sohn von alten Freunden zu einem Abendessen einlädt, flirtet sie mit ihm und küsst ihn heimlich im dunklen Garten. Das ist der Beginn einer Affäre mit Nicholas, der erst Anfang 20 ist.

Was beim Lesen sofort an "Die Reifeprüfung" mit Dustin Hoffman erinnert und hier etwas kitschig klingt, entwickelt sich dann doch ganz anders. Phyllis verlässt in einer Nacht-und-Nebel-Aktion ihre Familie, bricht sogar den Kontakt zu ihren beiden Kindern ab und versucht, ein moderneres, freies Leben in London zu beginnen - wobei sie immer wieder an ihre eigenen Grenzen stößt. Wir sind der Protagonistin ganz nah und erleben ihre inneren Konflikte mit. Als auch noch ihre 16-jährige Tochter Colette vor der Tür steht und für sich die gleichen Freiheiten einfordert, die ihre Mutter sich herausnimmt, beginnt der Roman nochmal an Fahrt aufzunehmen.

Tessa Hadley, Jahrgang 1956, die erst mit 46 Jahren ihren ersten Roman veröffentlichte, ist eine genaue Beobachterin und beschreibt hervorragend, was in dieser Familie alles zerbricht, was an Neuem entsteht und was für Geheimnisse noch ans Licht kommen. Zusätzlich bekommen wir ein lebendiges Bild des sich im Wandel befindlichen London der Swinging Sixties.

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Cornelia Funke: Ein Engel in der Nacht

Lesetipp von - 29.10.2022

Jugendbuch und All Age , S. Fischer Verlag, 14,00 €

Ein junges und sehr schönes Mädchen kniet in der Dunkelheit der Nacht allein an einem Teich. Sein Herz ist in tausend Teile zerbrochen und lässt sich auch von Rahmiel, dem Engel von Liebe und Mitgefühl, nicht so eben heilen. Die Traurigkeit, die es umhüllt, ist einfach zu schwer.
Es braucht also etwas Magie und Zauberkraft, um dem Mädchen zu helfen. Mithilfe von Rahmiel, einer Hexe und einem Rabenmann lernt das Mädchen auf einer Reise nach Osten, Norden, Westen und Süden, sich an sich selbst zu erinnern.
Dabei bedarf es nur weniger, feinfühliger Worte, um diese Geschichte zu erzählen, die an den dunkelsten Tagen Hoffnung spendet und die Botschaft übermittelt, dass auch nach der längsten Nacht wieder ein neuer Morgen kommt. Getragen wird die Geschichte dabei auch sehr von den bildgewaltigen Illustrationen in Schwarzweiß von Mehrdad Zaeri, die das Buch so besonders machen und ihm seine stimmungsvolle Atmosphäre verleihen. Auf nur 48 Seiten ist so ein berührendes, poetisches Märchen entstanden, das Lesenden jeden Alters Hoffnung und Mut macht.

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Katja Ludwig: Ellie & Oleg - außer uns ist keiner hier

Lesetipp von Annette Quest - 28.10.2022

Kinderbuch ab 9 Jahren, Klett Kinderbuch, 16,00 €

Eigentlich wollten Ellies und Olegs Eltern nur ein paar Lebensmittel aus ihrer alten Wohnung in der Stadt holen, um sich für einen Pandemie-Lockdown einzudecken. Aber dann sind sie am Abend immer noch nicht wieder zurück. Was sie am Tag noch genießen als gemütliches Chillen endlich einmal ohne Bestimmer und ohne die nervige Baby-Schwester, erhält am Abend plötzlich eine düstere Note. Vor allem, da Ellie ihr Handy nicht findet und es noch keinen Festnetzanschluss gibt. Und weil die einzige Nachbarin in der brandenburgischen Einöde auch nicht da ist, nur ihre hungrige Katze!
Wie versorgt man sich so ganz allein – bei ausdrücklichem Herdverbot? Wie holt man sich Hilfe, wenn das nächste Dorf wegen der Pandemie abgeriegelt ist?

Eines ist sicher: Ellie und Oleg lassen sich immer wieder etwas einfallen, und das macht ihre Geschichte so interessant, so lustig und auch so spannend! Katja Ludwig, die außer Autorin auch noch Chirurgin ist, beschreibt die Situationen zum Nachahmen realistisch. Und selbst wenn dabei so einiges schiefgeht und der Teddy Eddy leider angeschmort riecht: Die Geschichte macht Mut und regt an zum Selbstständigwerden!

 

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Christian Duda: Baumschläfer

Lesetipp von Andreas Mahr - 25.10.2022

Jugendbuch ab 14, Beltz, 18,00 €

Der neue Jugendroman dreht sich um Marius. Als er 14 ist, erlebt er mit, wie der Vater seine Mutter ermordet und ihn verletzt. Als Folge kommen Marius und seine Schwester im Waisenheim unter, doch mit zunehmender Zeit fällt es dem Jungen schwerer sich in dieses Leben, in diese Gemeinschaft einzuleben. Er kapselt sich immer mehr ab, spricht kaum noch und verliert so auch seine letzten Unterstützer. Die einzige Möglichkeit die er sieht ist Flucht, eine Flucht auf die Straße,wo er das zu finden erhofft, was er sucht: seine Ruhe!

Das Buch beruht auf einer wahren Geschichte, dem Leben und Sterben eines Jungen der nach traumatischen Erlebnissen zuerst ins Heim kommt, dann obdachlos wird und schließlich dort auf der Straße auch stirbt. Christian Duda erzählt einfühlsam und intensiv wie es so weit kommen konnte und zeichnet vor allem die Hilflosigkeit der erwachsenen Welt eindrucksvoll nach. Ein bedrückendes aber sehr wichtiges Buch!

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Ralf Rothmann: Die Nacht unterm Schnee

Lesetipp von Sönke Christiansen - 29.09.2022

Roman , Suhrkamp, 24,00 €

Der Verlag nennt diesen Roman Ralf Rothmanns den Abschluss der Trilogie über den Zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit in Deutschland. Ich muss gestehen, die beiden ersten Romane der Trilogie nicht gelesen zu haben, was jedoch mein Lesevergnügen in keiner Weise gemindert hat.

Erzählt wird die Geschichte von Elisabeth, die – wie so viele - im Frühjahr 1945 aus Ostpreußen in den Westen flieht. Was mich zuerst etwas irritierte, sich später aber als absolut stimmig für diesen Roman herausstellte, ist, dass Rothmann die Geschichte aus  zwei unterschiedlichen Perspektiven erzählt. Der größere Teil von Elisabeths Leben wird aus der Ich-Perspektive erzählt von Ihrer Jugendfreundin Luisa. Beide lernen sich nach Elisabeths Flucht in Kiel kennen und bleiben über viele Jahre miteinander befreundet. Durch diese Erzählperspektive gelingt es Rothmann, die Stimmung der Nachkriegsjahre lebendig und in all ihrer Zerrissenheit darzustellen: Zum einen die Geflüchteten und Kriegsheimkehrer, deren Leben von dem Erlebten auf immer gezeichnet ist und auf der anderen Seite die jüngere Generation – hier dargestellt durch Luisa – die ohne diesen Ballast der Vergangenheit den Aufbruch der bundesrepublikanischen Gesellschaft unbeschwert mitgestalten.

Unterbrochen wird die Erzählung von Luisa von Sequenzen dessen, was Elisabeth während ihrer Flucht erleiden musste. Flucht, Vergewaltigung, aber auch Rettung durch einen desertierten russischen Soldaten. Diese Berichte sind von Rothmann in der Sie-Perspektive verfasst, was eine größere Distanz zu dem Geschehen schafft und sie damit für den Leser erträglicher machen.

Ich kann diesen in klarer und rhythmischer Sprache verfassten Roman absolut empfehlen.

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Varsha Shah: Ajay und die Tintenhelden
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Silke Schlichtmann: Reißaus mit Krabbenbrötchen
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Leona Stahlmann: Diese ganzen belanglosen Wunder
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Femi Kayode: Lightseekers
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Stefanie Höfler: Feuerwanzen lügen nicht
von Annette Quest, 11.08.2022

Yarrow Townsend: Alva und das Rätsel der flüsternden Pflanzen
von Susanne Sießegger, 08.08.2022

Bert Wagendorp: Ferrara
von Sigrid Lemke, 25.07.2022

Kristina Gorcheva-Newberry: Das Leben vor uns
von Nicole Christiansen, 25.07.2022

Nathalie Stüben: Ohne Alkohol: Die beste Entscheidung meines Lebens
von Eva Lorenzen, 18.07.2022

Miranda Cowley Heller: Der Papierpalast
von Susanne Sießegger, 25.06.2022

Jane Gardam: Mädchen auf den Felsen
von Sybille Kramer, 21.06.2022

Mikita Franko: Die Lüge
von Michael Keune, 18.06.2022

Dita Zipfel: Brummps. Sie nannten ihn Ameise
von Annette Quest, 16.06.2022

Alice Oseman: Loveless
11.06.2022

Dominic Sandbrook: Weltgeschichte(n) - Zeit der Finsternis: Der Zweite Weltkrieg
von Andreas Mahr, 08.06.2022

Joachim B. Schmidt: Tell
von Eva Lorenzen, 25.05.2022

Adania Shibli: Eine Nebensache
von Nicole Christiansen, 23.05.2022

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